Haben Sie das schon einmal erlebt?
Sie hören zum ersten Mal von einem neuen Softwareanbieter, einer speziellen Fertigungsmethode oder einem bestimmten Lieferanten und plötzlich scheint Ihnen
dieser Name überall zu begegnen – in Fachartikeln, auf LinkedIn, in Gesprächen mit Kollegen. Fast so, als hätte sich die Welt über Nacht verändert. Doch die Welt hat sich nicht verändert, Ihre Wahrnehmung schon. Dieses faszinierende Phänomen nennt sich Frequenzillusion oder auch
Baader-Meinhof-Phänomen.
Was im Alltag oft nur ein amüsantes Zufallserlebnis ist, kann im professionellen B2B-Einkauf zu einer ernsthaften Herausforderung werden. Es kann unsere Objektivität trüben, unsere Entscheidungen
unbemerkt beeinflussen und uns letztlich zu kostspieligen Fehlern verleiten. In diesem Artikel beleuchten wir, wie die Frequenzillusion funktioniert, warum sie gerade im B2B-Einkauf so tückisch
ist und wie Sie sich und Ihr Team davor schützen können.
Was genau ist die Frequenzillusion? 🤔
Die Frequenzillusion, auch als Baader-Meinhof-Phänomen bekannt, ist eine kognitive Verzerrung, die unsere Wahrnehmung von Häufigkeit beeinflusst. Sie
entsteht, wenn wir einer neuen Information – zum Beispiel dem Namen eines Unternehmens – zum ersten Mal bewusst begegnen. Ab diesem Moment scheint diese Information plötzlich überall
aufzutauchen.
Dieser Effekt hat nichts mit Zufall oder einer tatsächlichen Zunahme der Häufigkeit zu tun.
Stattdessen sind zwei psychologische Prozesse dafür verantwortlich:
-
Selektive Aufmerksamkeit:
Unser Gehirn wird tagtäglich mit einer riesigen Menge an Informationen überflutet. Um nicht überlastet zu werden, filtert es rigoros und lässt nur durch, was es für relevant hält. Sobald eine Information (z. B. ein neuer potenzieller Lieferant) für uns wichtig wird, hebt das Gehirn diesen Filter auf. Plötzlich nehmen wir diesen Namen bewusst wahr, obwohl er vielleicht schon vorher in unserem Umfeld präsent war.
-
Bestätigungsfehler (Confirmation Bias):
Nachdem wir die Information einmal bewusst wahrgenommen haben, sucht unser Gehirn unbewusst nach Bestätigung.
Jedes weitere Mal, wenn wir den Namen sehen oder hören, fühlt es sich wie ein Beweis an, dass dieses Thema tatsächlich an Bedeutung gewinnt. Wir bestätigen uns also selbst in unserer neuen Wahrnehmung.
Stellen Sie sich vor, Sie denken über den Kauf eines ganz bestimmten Automodells nach. Plötzlich sehen Sie dieses Auto an jeder Straßenecke. Die Anzahl dieser Autos hat sich nicht erhöht, aber Ihre Aufmerksamkeit dafür ist geschärft. Genau das Gleiche passiert im Berufsalltag.
Die Frequenzillusion im B2B-Einkauf: Konkrete Beispiele
Im privaten Umfeld ist dieser Effekt meist harmlos. Im strategischen Einkauf, wo Entscheidungen oft langfristige und finanzielle Tragweite haben, kann die Frequenzillusion jedoch zu gravierenden
Fehleinschätzungen führen.
Beispiel 1: Die Wahl eines neuen Software-Tools 💻
Ein Einkäufer sucht nach einer neuen Projektmanagement-Software. Auf einer Fachkonferenz hört er von einem Anbieter namens "SyncFlow". In den folgenden zwei Wochen bemerkt er den Namen wieder:
Ein Kollege erwähnt ihn beiläufig, auf LinkedIn erscheint eine Anzeige und in einem Fachmagazin liest er ein Interview mit dem SyncFlow-CEO.
Die Falle:
Der Einkäufer könnte nun unbewusst zu dem Schluss kommen: "SyncFlow muss gerade extrem relevant und wahrscheinlich führend auf dem Markt sein, wenn ich ständig davon höre." Er gewichtet diesen Anbieter in seiner engeren Auswahl stärker, obwohl es vielleicht passendere oder leistungsfähigere Alternativen gäbe, die ihm nur nicht so oft "über den Weg gelaufen" sind.
Beispiel 2: Die Auswahl eines Rohstofflieferanten 🏭
Eine Einkaufsabteilung benötigt einen neuen Lieferanten für einen speziellen Kunststoff. Der Name eines Lieferanten, "PolyCorp", taucht in kurzer Zeit mehrfach auf – durch einen Messe-Flyer,
einen Anruf eines Vertriebsmitarbeiters und eine positive Erwähnung in einem Branchen-Newsletter.
Die Falle:
Das Team könnte die wahrgenommene Präsenz von PolyCorp als Zeichen für besondere Zuverlässigkeit oder Marktführerschaft interpretieren. Die wiederholte Wahrnehmung schafft ein Gefühl der Vertrautheit, was oft fälschlicherweise mit Vertrauenswürdigkeit gleichgesetzt wird. Die objektive Prüfung von Qualitätszertifikaten, Lieferkettenstabilität und Preisen anderer Anbieter könnte dadurch in den Hintergrund rücken.
Warum die Illusion im B2B-Einkauf eine besondere Gefahr darstellt
Im Gegensatz zum B2C-Geschäft, wo Kaufentscheidungen oft emotional und kurzfristig getroffen werden, sind B2B-Entscheidungen in der Regel komplexer, datengestützter und langfristiger. Doch auch
professionelle Einkäufer sind Menschen und damit anfällig für kognitive Verzerrungen.
Die Frequenzillusion untergräbt den rationalen Entscheidungsprozess auf subtile Weise:
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Verzerrte Marktanalyse:
Sie suggeriert eine höhere Relevanz oder Marktpräsenz eines Anbieters, als dieser tatsächlich besitzt.
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Gefühlte Dringlichkeit:
Die ständige Konfrontation mit einem Thema oder Anbieter kann den Eindruck erwecken, man müsse schnell handeln, um nicht den Anschluss zu verlieren.
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Überschätzung von Bekanntheit:
Vertrautheit wird mit Kompetenz verwechselt. Ein Anbieter, dessen Name uns geläufig ist, erscheint uns automatisch als eine sicherere Wahl.
Eine Studie der TU Darmstadt zur Immobilienprojektentwicklung – einem Sektor mit komplexen B2B-Entscheidungen – hat gezeigt, wie stark solche kognitiven Verzerrungen wirken. In der Befragung von 240 Managern zeigte sich eine extreme Tendenz zum "eskalierenden Commitment": 98 Prozent der Teilnehmer gaben an, ein von ihnen verantwortetes Projekt, das bereits in Schieflage geraten war, weiter finanziell zu stützen – selbst wenn sie nicht von einem positiven Ausgang ausgingen. (Quelle: Studie "Kognitiv verzerrte Entscheidungen als Ursache für Ineffizienzen in der Immobilienprojektentwicklung", TU Darmstadt).
Dies zeigt, wie schwer es ist, einmal gefasste (und emotional verankerte) Überzeugungen rational zu korrigieren.
5 Tipps: So schützen Sie sich vor der Frequenz-Falle 🛡️
Die gute Nachricht ist: Wer die Frequenzillusion kennt, kann bewusst gegensteuern.
Hier sind fünf praktische Tipps für den B2B-Einkauf:
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Bewusstsein schaffen:
Sprechen Sie im Team offen über kognitive Verzerrungen wie die Frequenzillusion.
Allein das Wissen um ihre Existenz ist der erste und wichtigste Schritt zur Abwehr.
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Strukturierte Prozesse
nutzen:
Verlassen Sie sich nicht auf Ihr Bauchgefühl. Etablieren Sie klare, datengestützte Bewertungsprozesse für die Lieferantenauswahl. Nutzen Sie standardisierte Fragebögen, Scoring-Modelle und Kriterienkataloge, um eine objektive Vergleichbarkeit sicherzustellen.
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Den "Advocatus Diaboli" spielen:
Bestimmen Sie eine Person im Team, die gezielt nach Gegenargumenten suchen muss.
Warum sollten wir diesen scheinbar so präsenten Anbieter nicht wählen?
Welche Alternativen haben wir übersehen? Das hilft, den Bestätigungsfehler aktiv auszuhebeln.
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Informationsquellen diversifizieren:
Suchen Sie aktiv nach Informationen außerhalb Ihrer üblichen "Blase". Wenn Ihnen ein Anbieter ständig auf LinkedIn begegnet, recherchieren Sie gezielt in unabhängigen Datenbanken, sprechen Sie mit kritischen Branchenexperten oder suchen Sie nach unvoreingenommenen Testberichten.
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Entscheidungen hinterfragen:
Halten Sie vor der finalen Entscheidung kurz inne und fragen Sie sich: "Basiert diese Entscheidung wirklich auf harten Fakten und unseren definierten Kriterien, oder lassen wir uns von der gefühlten Popularität eines Anbieters leiten?"
Fazit
Die Frequenzillusion ist mehr als nur ein psychologisches Kuriosum. Im B2B-Einkauf ist sie eine unsichtbare Kraft, die rationale und strategische Entscheidungen untergraben kann. Sie führt dazu, dass wir die Relevanz eines Anbieters oder einer Lösung überschätzen, nur weil unser Gehirn durch wiederholte Wahrnehmung ein Gefühl von Vertrautheit und
Wichtigkeit erzeugt hat.
Der Schlüssel zur Bewältigung dieser Herausforderung liegt nicht darin, perfekt rational zu sein – das ist unmöglich. Der Schlüssel liegt darin, unsere eigenen Denkmuster zu verstehen, unsere
Anfälligkeit für solche Illusionen zu akzeptieren und bewusste, prozessbasierte Schutzmechanismen zu etablieren. Indem wir datengestützte Bewertungen, kritische Team-Diskussionen und eine
bewusste Informationssuche in den Vordergrund stellen, können wir sicherstellen, dass unsere Entscheidungen auf einem soliden Fundament stehen – und nicht auf einer cleveren Täuschung unseres
eigenen Gehirns.
Weiterführende Links
- Decoding Decisions: Was Kaufentscheidungen beeinflusst (Studie von Google - pdf download)
Gleich noch einen spannenden Blogartikel lesen:
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