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Der Framing-Effekt im B2B-Einkauf: Wie er Kaufentscheidungen prägt


Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor zwei Angeboten für eine neue Software. Beide sind technisch identisch und kosten das Gleiche. Das erste Angebot verspricht eine Effizienzsteigerung von 80 % in Ihren Prozessen. Das zweite Angebot hebt hervor, dass mit dieser Software nur 20 % Ihrer bisherigen Ineffizienzen bestehen bleiben.

Für welches Angebot würden Sie sich entscheiden? Die meisten Menschen wählen das erste. Obwohl beide Aussagen mathematisch das Gleiche bedeuten, klingt die erste deutlich überzeugender. Dieses Phänomen nennt sich Framing-Effekt – und es hat einen massiven Einfluss auf Kaufentscheidungen, besonders im Business-to-Business (B2B) Bereich.

 

Was ist der Framing-Effekt? 🤔


Der Framing-Effekt ist eine kognitive Verzerrung, die beschreibt, wie unser Gehirn auf unterschiedliche Formulierungen derselben Information reagiert. Der "Rahmen" (englisch: Frame), in den eine Information verpackt wird, beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser Urteil – oft ohne, dass wir es bewusst merken.

Man könnte sagen: Es kommt nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern vor allem, wie es gesagt wird. Dieses Prinzip wurde erstmals von den Psychologen und Nobelpreisträgern Daniel Kahneman und Amos Tversky wissenschaftlich beschrieben. Ihre Forschung zeigte, dass selbst Experten ihre Entscheidungen ändern, wenn die Optionen nur anders formuliert werden.

Die Grundlage dafür liegt in der sogenannten Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie). Sie besagt unter anderem, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleich hohe Gewinne. Ein potenzieller Verlust von 1.000 Euro schmerzt uns mehr, als uns ein Gewinn von 1.000 Euro freut. Verkäufer nutzen dieses Wissen, um ihre Angebote gezielt in einem bestimmten Licht zu präsentieren.

 

Konkrete Beispiele für Framing im B2B-Einkauf


Im B2B-Umfeld, wo Entscheidungen oft als rein rational und faktenbasiert gelten, ist der Framing-Effekt besonders wirkungsvoll. Hier sind einige typische Beispiele, wie er Einkäufer beeinflusst:

 

1. Preisgestaltung und Rabatte 💰


Die Art, wie ein Preis kommuniziert wird, kann die Kaufbereitschaft stark beeinflussen.

  • Kleine Einheiten:
    Ein Software-Abonnement für "nur 30 € pro Mitarbeiter im Monat" klingt deutlich günstiger als "360 € pro Mitarbeiter im Jahr", obwohl die Kosten identisch sind.

  • Gewinn- vs. Verlust-Frame:
    Die Aussage "Sparen Sie 15 % bei jährlicher Zahlung" (Gewinn-Frame) ist der Standard.
    Deutlich mehr Handlungsdruck erzeugt jedoch ein Verlust-Frame: "Zahlen Sie 20 % mehr bei monatlicher Zahlung".
    Die Angst, mehr zahlen zu müssen, wirkt oft stärker.

2. Produktbeschreibung und Nutzenversprechen 📈


Die Beschreibung eines Produkts oder einer Dienstleistung lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Eigenschaften.

  • Positiver vs. Negativer Frame:
    Eine Serverlösung mit einer "Uptime von 99,8 %" wird positiver wahrgenommen als eine mit einer "Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,2 %". Die erste Formulierung betont die Zuverlässigkeit, die zweite das Risiko.

  • Fokus auf Problemlösung:
    Ein Angebot, das verspricht, "Ihren administrativen Aufwand zu halbieren", ist oft wirksamer als eines, das "Ihre Effizienz verdoppelt". Der erste Frame spricht direkt einen bekannten Schmerzpunkt (zu viel Aufwand) an.

3. Verhandlungen und Angebotsvergleiche 🤝


Auch in Verhandlungen spielt der Rahmen eine entscheidende Rolle. Ein Verkäufer könnte ein sehr hochpreisiges "Premium-Paket" vorstellen, das er gar nicht verkaufen will. Im Vergleich dazu erscheint das "Standard-Paket", das er eigentlich verkaufen möchte, plötzlich viel preiswerter und angemessener. Dies ist eine Form des Framings, die eng mit dem Anker-Effekt verwandt ist, bei dem die erste Information als Referenzpunkt für alle folgenden dient.

Ein Anbieter, der sein Angebot als "Investition zur Erschließung neuer Umsatzpotenziale" rahmt, verkauft eine Chance. Ein anderer, der es als "notwendige Maßnahme zur Vermeidung von Sicherheitslücken" präsentiert, verkauft die Abwendung eines Risikos. Je nach Situation und Ansprechpartner kann der eine oder andere Frame überzeugender sein.

Die Macht der Zahlen: Eine berühmte Studie


Eine der bekanntesten Studien von Kahneman und Tversky, das "Asian Disease Problem", verdeutlicht die Stärke des Framing-Effekts eindrücklich. Den Teilnehmern wurde ein hypothetisches Szenario vorgestellt:
Der Ausbruch einer Krankheit, an der 600 Menschen sterben werden.

  • Gruppe 1 (Positiver Frame / Gewinn):
    • Programm A: "200 Menschen werden garantiert gerettet."
    • Programm B: "Es gibt eine 33%ige Chance, alle 600 zu retten, und eine 66%ige Chance, niemanden zu retten."

  • Gruppe 2 (Negativer Frame / Verlust):
    • Programm C: "400 Menschen werden garantiert sterben."
    • Programm D: "Es gibt eine 33%ige Chance, dass niemand stirbt, und eine 66%ige Chance, dass alle 600 sterben."

Obwohl Programm A und C sowie B und D mathematisch identisch sind, waren die Ergebnisse verblüffend:

Im positiven Frame wählten 72 % der Teilnehmer die sichere Option (Programm A).
Im negativen Frame wählten nur 22 % die sichere Option (Programm C) – die Mehrheit bevorzugte hier die risikoreiche Variante. (Quelle: Tversky & Kahneman, 1981, "The Framing of Decisions and the Psychology of Choice")

Diese Studie zeigt:
Wenn es um Gewinne geht ("gerettete Leben"), bevorzugen Menschen Sicherheit.
Wenn es um Verluste geht ("sterbende Menschen"), werden sie risikofreudiger, um den sicheren Verlust zu vermeiden.

 

Wie können sich B2B-Einkäufer schützen?


Der Framing-Effekt ist keine manipulative "Geheimwaffe", sondern ein grundlegender Teil der menschlichen Psychologie.
Der beste Schutz für Einkäufer ist, sich dieses Effekts bewusst zu sein und Entscheidungen aktiv zu hinterfragen.

Hier sind drei praktische Tipps:

  1. Formulieren Sie aktiv um (Reframing):
    Wenn Sie ein Angebot erhalten, versuchen Sie bewusst, die Kernaussagen umzuformulieren.
    Übersetzen Sie eine Erfolgsquote in eine Fehlerrate oder einen prozentualen Rabatt in einen konkreten Aufpreis bei Nichtannahme. Das hilft, den reinen Sachverhalt hinter dem "Frame" zu erkennen.

  2. Suchen Sie nach neutralen Informationen:
    Verlassen Sie sich nicht nur auf die Präsentation des Verkäufers.
    Ziehen Sie objektive Daten, unabhängige Testberichte oder Fallstudien hinzu.
    Je breiter Ihre Informationsbasis ist, desto weniger stark wirkt ein einzelner Frame.

  3. Hinterfragen Sie Ihre erste Reaktion:
    Fühlt sich ein Angebot spontan extrem gut oder schlecht an?
    Halten Sie inne und fragen Sie sich, welche Worte oder Bilder diese Reaktion ausgelöst haben könnten.
    Trennen Sie die Fakten von der emotionalen Verpackung.

Fazit


Der Mythos des rein rationalen B2B-Einkäufers ist längst widerlegt. Auch im Geschäftskontext sind Entscheidungen tief von psychologischen Faktoren geprägt, und der Framing-Effekt ist einer der stärksten unter ihnen.

Er beeinflusst, wie wir Preise, Risiken und Nutzen bewerten.

Für Verkäufer bedeutet das, ihre Kommunikation bewusst und ethisch zu gestalten, um den Wert ihres Angebots klar zu vermitteln. Für Einkäufer ist das Wissen um diesen Effekt ein entscheidendes Werkzeug, um nicht von der Verpackung geblendet zu werden, sondern die beste Entscheidung auf Basis der reinen Fakten zu treffen.

Wer die "Rahmen" erkennt, kann sie durchbrechen und zu fundierteren und besseren Kaufentscheidungen gelangen.


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Mein Name ist Claus Angerhofer - seit 30 Jahren im Dienste der Industrie als Experte für Technologie und Einkauf

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