Stell dir vor, du planst ein großes Sommerfest im Garten. Du bestellst alle Getränke bei einem einzigen kleinen Getränkehändler um die Ecke. Am Morgen des Festes stellt sich heraus: Der Händler
hat einen Rohrbruch in seinem Lager und kann nicht liefern. Dein Fest droht ins Wasser zu fallen. Hättest du die Limonade und das Bier bei zwei verschiedenen Händlern bestellt, hättest du jetzt
zwar etwas mehr Organisationsaufwand gehabt – aber deine Gäste würden nicht auf dem Trockenen sitzen. 🥤
Genau dieses Prinzip verbirgt sich hinter dem Begriff Dual Sourcing (auf Deutsch: Doppelbeschaffung) im
Industrieeinkauf.
Anstatt sich von einem einzigen Lieferanten abhängig zu machen, teilen Unternehmen ihren Bedarf auf zwei unabhängige Lieferanten auf.
In diesem Artikel erfährst du, wie Dual Sourcing funktioniert, warum es heute wichtiger ist denn je und wie Industrieunternehmen damit gleichzeitig ihre Kosten senken und ihre Lieferketten
absichern können.
Was ist Dual Sourcing und wie funktioniert es? 🤔
Im Einkauf von Industrieunternehmen gibt es grundsätzlich drei Wege, um an Bauteile oder Rohstoffe zu kommen:
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Single Sourcing:
Man kauft alles bei einem einzigen Lieferanten.
Das spart Verhandlungszeit und bringt oft Mengenrabatte, ist aber hochriskant.
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Multiple Sourcing:
Man kauft bei vielen verschiedenen Lieferanten.
Das senkt das Risiko, erhöht aber den Verwaltungsaufwand im Einkauf extrem.
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Dual Sourcing:
Der goldene Mittelweg. Man arbeitet mit genau zwei Lieferanten für dasselbe Bauteil zusammen.
Die klassische Aufteilung: Die 70/30-Regel
Beim Dual Sourcing teilt man die Aufträge meistens nicht halbe-halbe (50/50) auf. Das hätte nämlich den Nachteil, dass keiner der beiden Lieferanten eine wirklich große Menge produziert und
dadurch die Preise steigen.
Stattdessen nutzen Unternehmen häufig eine 70/30- oder 60/40-Aufteilung:
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Der Hauptlieferant (A-Lieferant):
Er erhält den Löwenanteil von zum Beispiel 70 Prozent des Auftragsvolumens. Dadurch kann er günstig produzieren und das Unternehmen profitiert von guten Preisen. -
Der Zweitlieferant (B-Lieferant):
Er bekommt die restlichen 30 Prozent. Er hält die Produktion für dieses Bauteil am Laufen, kennt die Qualitätsanforderungen und kann im Notfall sofort einspringen und seine Produktion hochfahren.
Die Vorteile: Warum sich die Doppelbeschaffung lohnt 📈
Viele Jahre lang galt im Einkauf das Mantra: "Alles bei einem Lieferanten bündeln, um den absolut niedrigsten Preis herauszuholen." Doch globale Krisen,
blockierte Schifffahrtswege und Rohstoffknappheit haben zu einem Umdenken geführt.
Dual Sourcing bietet zwei unschlagbare Vorteile, die sich eigentlich widersprechen: Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.
1. Risikominimierung (Resilienz) 🛡️
Fällt der Hauptlieferant durch einen Streik, eine Naturkatastrophe oder eine Insolvenz aus, steht beim einkaufenden Unternehmen nicht sofort das Band still. Der Zweitlieferant ist bereits
eingearbeitet, besitzt die nötigen Werkzeuge (Formen, Maschinenprogrammierungen) und kann die Liefermenge schnell erhöhen.
2. Gesunder Wettbewerb senkt die Kosten 💰
Wer nur einen Lieferanten hat, ist diesem oft ausgeliefert, wenn es um Preiserhöhungen geht. Beim Dual Sourcing wissen beide Lieferanten, dass es einen Konkurrenten gibt. Das hält die Preise stabil. Wenn Lieferant A plötzlich die Preise erhöht, kann der Einkauf androhen, das Verhältnis im nächsten Quartal auf 50/50 oder gar auf 30/70
zugunsten von Lieferant B zu verschieben.
3. Innovation und Qualität steigen 💡
Zwei Lieferanten bedeuten auch zwei Entwicklungsabteilungen.
Oft spornen sich die Partner gegenseitig an, das Produkt zu verbessern oder Produktionsprozesse effizienter zu gestalten, um sich beim Kunden beliebt
zu machen.
Was die Wissenschaft sagt: Eine wegweisende Studie
Wie wichtig die Absicherung der Lieferketten geworden ist, zeigt eine vielbeachtete Studie des globalen Beratungsunternehmens McKinsey & Company. In einer Umfrage unter führenden
Supply-Chain-Managern gaben 93 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Lieferketten widerstandsfähiger (resilienter) gestalten wollen. Um dieses Ziel zu erreichen, planten 53 Prozent der
Unternehmen konkret, auf eine Dual-Sourcing-Strategie für wichtige Rohstoffe und Bauteile umzustellen (Quelle: McKinsey & Company, 2020: Resetting supply chains for the next normal).
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis 🚲
Schauen wir uns das an einem einfachen Beispiel an: Die VeloBlitz GmbH stellt hochwertige E-Bikes her.
Für ihre Premium-Modelle benötigt sie spezielle Scheibenbremsen.
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Früher (Single Sourcing):
VeloBlitz kaufte alle Bremsen bei einem spezialisierten Hersteller in Asien. Das war günstig. Doch als ein Containerschiff den Suezkanal blockierte, wartete VeloBlitz wochenlang auf die Bremsen. Die fertigen E-Bikes standen ohne Bremsen in der Halle – VeloBlitz konnte nicht liefern und verlor Millionen. -
Heute (Dual Sourcing):
VeloBlitz bezieht nun 70 Prozent der Bremsen weiterhin vom günstigen Hersteller aus Asien. Die restlichen 30 Prozent kauft das Unternehmen bei einem Hersteller in Deutschland. Die deutschen Bremsen sind pro Stück zwar 15 Prozent teurer, aber der Lieferant ist nah und flexibel. -
Der Ernstfall:
Als in Asien erneut Fabriken wegen einer Pandemiewelle schließen mussten, reagierte VeloBlitz sofort. Sie baten den deutschen Lieferanten, die Produktion von 30 auf 100 Prozent hochzufahren. Die Produktion der E-Bikes lief ohne Unterbrechung weiter. Die Mehrkosten für die deutschen Bremsen waren im Vergleich zu einem kompletten Produktionsstopp verschwindend gering.
Die Herausforderungen: Wo liegen die Haken? ⚠️
Obwohl Dual Sourcing hervorragend klingt, ist es kein Selbstläufer.
Es bringt auch Herausforderungen mit sich, die der Einkauf meistern muss:
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Höherer Verwaltungsaufwand:
Der Einkauf muss zwei Verträge verhandeln, zwei Lieferanten auditieren (überprüfen) und zwei Logistikwege überwachen.
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Qualitätsunterschiede:
Bauteil ist nicht gleich Bauteil. Selbst wenn beide Lieferanten nach denselben Zeichnungen arbeiten, kann es minimale Unterschiede in der Qualität oder Beschaffenheit geben. Das muss die Qualitätsprüfung im Werk abfangen können.
Wie kompatibel sind die Bauteile (oder Bauteilkombniationen) im Gesamtprodukt?
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Werkzeugkosten:
Für viele Industrieteile (z. B. Spritzguss-Plastikteile) werden teure Spezialwerkzeuge benötigt. Beim Dual Sourcing müssen diese Werkzeuge oft doppelt angeschafft werden – einmal für Lieferant A und einmal für Lieferant B. Das lohnt sich nur bei hohen Stückzahlen.
Praktische Tipps für die erfolgreiche Umsetzung 🛠️
Wenn dein Unternehmen über den Einstieg ins Dual Sourcing nachdenkt, solltest du folgende Tipps beachten:
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Die ABC-Analyse nutzen:
Wende Dual Sourcing nicht für jedes kleine Standardteil (wie einfache Schrauben) an. Konzentriere dich auf kritische "A-Teile", bei denen ein Ausfall die gesamte Produktion stoppen würde.
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Geografische Trennung beachten:
Es bringt wenig, zwei Lieferanten zu haben, die im selben Industriegebiet angesiedelt sind. Trifft ein lokales Hochwasser oder ein Stromausfall die Region, fallen beide aus. Ideal ist eine Mischung aus "Global Sourcing" (günstig, weit weg) und "Nearshoring" (etwas teurer, aber ganz in der Nähe).
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Ehrliche Kommunikation:
Sei offen zu beiden Lieferanten. Der B-Lieferant muss wissen, dass er die "Feuerwehr" ist, aber dafür langfristig und sicher mit 30 Prozent des Volumens planen kann. Nur so bleibt die Partnerschaft fair und verlässlich.
Fazit: Die gesunde Mischung macht den Erfolg 🏁
Dual Sourcing ist im modernen Industrieeinkauf wie eine gute Versicherung. Sie kostet im Alltag ein klein wenig mehr Mühe und manchmal auch etwas mehr Geld, schützt das Unternehmen aber im
Ernstfall vor dem finanziellen Ruin.
Durch die clevere Aufteilung der Liefermengen (z. B. nach der 70/30-Regel) gelingt Industrieunternehmen ein echter Spagat: Sie sichern sich günstige Preise durch den Wettbewerb der beiden
Lieferanten und schlafen gleichzeitig ruhig, weil sie wissen, dass ihre Produktion auch in Krisenzeiten niemals stillsteht.
Weiterführende Links
- Haufe Fachmagazin: Risikomanagement im Einkauf
- McKinsey & Company: Supply Chain Resilience
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Mein Name ist Claus Angerhofer - seit 30 Jahren im Dienste der Industrie als Experte für Technologie und Einkauf


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