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Belief Perseverance: Die unsichtbare Bremse im Industrieeinkauf

 

Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer bekannten Strecke zur Arbeit. Plötzlich sehen Sie ein neues Schild, das eine schnellere Route verspricht. Alle Daten – Navi, Verkehrsfunk, das Schild selbst – bestätigen, dass dieser neue Weg Zeit spart.

Trotzdem biegen Sie nicht ab. Sie bleiben auf Ihrer gewohnten Strecke, einfach weil Sie ihr schon immer vertraut haben.

Was im Alltag vielleicht nur ein paar Minuten kostet, kann im Industrieeinkauf schnell zu einem teuren Problem werden.

Dieses Festhalten an alten Überzeugungen, selbst wenn handfeste Beweise für eine bessere Alternative vorliegen, hat einen Namen: Belief Perseverance (auf Deutsch etwa: das Beharren auf Überzeugungen). Es ist eine unsichtbare Bremse, die Innovation, Effizienz und letztlich den Erfolg Ihres Unternehmens blockieren kann.

 

Was ist Belief Perseverance eigentlich? 🤔


Belief Perseverance ist eine kognitive Verzerrung, also ein Denkfehler, der uns alle betrifft. Es beschreibt die menschliche Neigung, an einer einmal gefassten Meinung festzuhalten, selbst wenn neue Informationen diese Meinung klar widerlegen. Es ist mehr als nur Sturheit; es ist ein tief verwurzelter psychologischer Mechanismus. Unser Gehirn mag keine Widersprüche. Wenn neue Fakten unseren Überzeugungen widersprechen, entsteht ein unangenehmes Gefühl, die sogenannte "kognitive Dissonanz". Um dieses Gefühl zu vermeiden, ist es für unser Gehirn oft einfacher, die neuen Informationen zu ignorieren oder abzuwerten, anstatt eine liebgewonnene Überzeugung zu ändern.

Eng verwandt damit ist der "Confirmation Bias" (Bestätigungsfehler), bei dem wir aktiv nach Informationen suchen, die unsere bestehende Meinung stützen, und Fakten ausblenden, die dagegen sprechen.

Gemeinsam bilden diese Denkmuster eine starke Barriere für objektive Entscheidungen.

 

Belief Perseverance im Industrieeinkauf: Konkrete Beispiele


Im strategischen Einkauf, wo Entscheidungen oft weitreichende finanzielle und operative Folgen haben, kann Belief Perseverance besonders schädlich sein. Hier sind drei typische Szenarien, in denen diese unsichtbare Bremse wirkt:

 

1. Der "bewährte" Lieferant vs. der innovative Newcomer 📦


Ein Einkäufer arbeitet seit 15 Jahren mit Lieferant A zusammen. Die Beziehung ist gut, die Prozesse sind eingespielt. Nun tritt ein neuer Lieferant B auf den Markt, der dank moderner Fertigungstechnologie nicht nur 20 % günstiger ist, sondern auch eine höhere Materialqualität und schnellere Lieferzeiten durch digitale Logistik verspricht. Alle Daten, Benchmarks und Testlieferungen bestätigen die Überlegenheit von Lieferant B.

Die Falle des Belief Perseverance:

Der Einkäufer hält an seiner Überzeugung fest: "Wir wissen, was wir an Lieferant A haben. Die Zuverlässigkeit über Jahre ist wichtiger als kurzfristige Kostenvorteile." Er sucht nach Bestätigung für seine Meinung, erinnert sich an eine kleine Unstimmigkeit in der Kommunikation mit Lieferant B und wertet diese als Zeichen für mangelnde Professionalität. Die erdrückenden positiven Daten werden ignoriert.

Die Folge:

Das Unternehmen verpasst eine Chance, Kosten signifikant zu senken, die Produktqualität zu verbessern und die Lieferkette widerstandsfähiger zu machen. Die Treue zum alten Lieferanten wird zu einer teuren Gewohnheit.

 

2. Die Abneigung gegen neue Technologien und Prozesse ⚙️


Ein Unternehmen plant die Einführung einer neuen E-Procurement-Software. Diese würde den Bestellprozess automatisieren, Fehler reduzieren und dem Einkaufsteam mehr Zeit für strategische Aufgaben geben. Ein erfahrener Einkaufsleiter, der seine Karriere mit Telefon, Fax und komplexen Excel-Tabellen aufgebaut hat, ist jedoch überzeugt: "Persönlicher Kontakt zu Lieferanten ist durch nichts zu ersetzen. Diese neue Technik ist kompliziert und entmenschlicht unsere Arbeit."

Die Falle des Belief Perseverance:

Obwohl ihm Erfolgsgeschichten aus anderen Unternehmen und klare ROI-Berechnungen (Return on Investment) vorgelegt werden, beharrt er auf seiner Meinung. Er erinnert sich an eine Software-Einführung vor zehn Jahren, die holprig verlief, und projiziert diese negative Erfahrung auf die aktuelle Situation.

Die Folge:

Die digitale Transformation im Einkauf wird blockiert oder verzögert. Das Team arbeitet weiterhin ineffizient, während der Wettbewerb durch den Einsatz moderner Technologien agiler und kostengünstiger wird.

 

3. Falsche Überzeugungen über Märkte und Materialien 🌍


Ein Einkäufer für Rohstoffe ist der festen Überzeugung, dass ein bestimmtes Material aus Land X die beste Qualität aufweist – eine Annahme, die vor einem Jahrzehnt vielleicht stimmte. Inzwischen haben sich jedoch die globalen Märkte verändert. Neue Anbieter aus Land Y bieten nachweislich die gleiche oder sogar bessere Qualität zu stabileren Preisen an, was durch unabhängige Zertifikate und Analysen belegt ist.

Die Falle des Belief Perseverance:

Der Einkäufer ignoriert die neuen Marktberichte und Zertifikate. Seine Überzeugung "Qualität kommt nur aus X" ist so stark, dass er die neuen Daten als "geschönt" oder "nicht vertrauenswürdig" abtut.

Die Folge:

Das Unternehmen leidet unter unnötig hohen Beschaffungskosten und einer riskanten Abhängigkeit von einer einzigen Region, anstatt seine Bezugsquellen zu diversifizieren und die Lieferkette zu stabilisieren.

 

Wie können wir die unsichtbare Bremse lösen? 5 praktische Tipps


Belief Perseverance ist ein menschlicher Reflex, aber wir sind ihm nicht hilflos ausgeliefert. Besonders im professionellen Umfeld des Einkaufs können wir Strukturen schaffen, um diese Denkfehler zu minimieren.

 

1. Eine Kultur des Lernens und der Offenheit fördern


Schaffen Sie ein Umfeld, in dem es als Stärke und nicht als Schwäche gilt, seine Meinung aufgrund neuer Fakten zu ändern. Führungskräfte sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und eigene Fehleinschätzungen offen zugeben.

 

2. Den " Advocatus Diaboli" (Anwalt des Teufels) institutionalisieren


Bestimmen Sie in wichtigen Entscheidungsprozessen eine Person oder ein kleines Team, dessen einzige Aufgabe es ist, die vorherrschende Meinung gezielt infrage zu stellen.

Diese Person soll aktiv nach Gegenargumenten und widersprüchlichen Daten suchen. Das zwingt alle Beteiligten, ihre eigenen Annahmen kritisch zu hinterfragen.

 

3. Entscheidungen auf Daten und standardisierte Prozesse stützen


Verlassen Sie sich weniger auf Bauchgefühl und mehr auf harte Fakten. Entwickeln Sie standardisierte Bewertungsmatrizen und Scorecards für Lieferanten und Technologien. Klare, objektive Kriterien (KPIs) wie Preis, Qualität, Liefertreue und Nachhaltigkeitszertifikate helfen, persönliche Vorlieben auszublenden.

 

4. Diverse Teams zusammenstellen


Bringen Sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Perspektiven zusammen.

Ein diverses Team ist weniger anfällig für Gruppendenken und stellt etablierte Überzeugungen eher infrage.

 

5. Regelmäßige "Reset-Meetings" ansetzen


Führen Sie regelmäßige Meetings ein, in denen bestehende Lieferantenbeziehungen, Technologien und Strategien bewusst auf den Prüfstand gestellt werden. Die zentrale Frage sollte lauten: "Wenn wir heute bei null anfangen würden, würden wir uns wieder genauso entscheiden?"

 

Fazit: Bewusstsein ist der erste Schritt zur Besserung


Belief Perseverance ist eine unsichtbare, aber mächtige Kraft, die im Industrieeinkauf zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen kann. Sie lässt uns an veralteten Lieferanten, ineffizienten Prozessen und überholten Marktmeinungen festhalten – trotz klarer Beweise für bessere Alternativen.

Der Schlüssel zur Überwindung dieser Bremse liegt nicht darin, keine Überzeugungen zu haben, sondern darin, bereit zu sein, diese im Licht neuer Fakten zu überprüfen und anzupassen. Indem wir uns dieser kognitiven Verzerrung bewusst werden und gezielte Strategien anwenden, können wir sicherstellen, dass unsere Entscheidungen auf der bestmöglichen Grundlage getroffen werden: auf Daten, Logik und der Bereitschaft zur Veränderung. Nur so bleibt der Einkauf ein strategischer Motor für den Unternehmenserfolg und wird nicht zur unsichtbaren Bremse.

Ihre Meinung ist gefragt:

Welche Erfahrungen haben Sie mit "festgefahrenen" Überzeugungen im Einkauf gemacht? Und welche Strategien nutzen Sie, um offen für neue Wege zu bleiben? Teilen Sie Ihre Gedanken in den Kommentaren!


Weiterführende Links:


Der hybride Einkauf ist kein kurzfristiger Trend, sondern die logische Weiterentwicklung der Beschaffung im Zeitalter von Industrie 4.0. Er löst den scheinbaren Widerspruch zwischen Digitalisierung und menschlicher Beziehung auf und nutzt die Stärken beider Welten. Unternehmen, die diesen Weg einschlagen, machen ihren Einkauf nicht nur schneller und kostengünstiger, sondern auch strategischer und widerstandsfähiger. 
Ein spannender Beitrag den Sie unter dem folgenden Link finden:


Mein Name ist Claus Angerhofer - seit 30 Jahren im Dienste der Industrie als Experte für Technologie und Einkauf

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