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Gefährlicher Aktionismus: Wie B2B-Einkäufer dem Action Bias entkommen


Stellen Sie sich vor, es ist Montagmorgen im Einkauf eines mittelständischen Maschinenbauers.

Plötzlich kommt die Nachricht: Ein wichtiger Lieferant für elektronische Bauteile hat Lieferschwierigkeiten.

Die Produktion droht in drei Wochen stillzustehen. Der Puls steigt.

Der Chef ruft an: „Wir müssen sofort handeln! Finden Sie einen Ersatz!“

In solchen Momenten brennt es im Kopf jedes B2B-Einkäufers. Die natürliche Reaktion? Zum Hörer greifen, hektisch neue Lieferanten im Internet suchen, Angebote anfordern und den erstbesten Deal unterschreiben – nur um das Gefühl zu haben, das Problem gelöst zu haben. Doch oft ist genau dieser schnelle Aktionismus ein fataler Fehler.

In der Psychologie nennt man dieses Phänomen den Action Bias (auf Deutsch: Aktivitätsverzerrung).

Er beschreibt die menschliche Neigung, in Stresssituationen lieber irgendetwas zu tun, anstatt abzuwarten und die Lage in Ruhe zu analysieren – selbst wenn Nichtstun die klügere Entscheidung wäre.

In diesem Artikel erfahren Sie, warum B2B-Einkäufer besonders anfällig für diese Falle sind, welche enormen Kosten dadurch entstehen und mit welchen einfachen Strategien Sie dem gefährlichen Aktionismus entkommen. 🎯

 

Was genau ist der Action Bias? Ein Blick ins Tor 🥅

Studie zum Elfmeterschiessen von Bar-Eli et.al.  zeigt, in der Mitte warten ist ebenso effektiv wie in eine Ecke hechten


Um den Action Bias zu verstehen, hilft ein Blick auf den Fußballplatz.

Wissenschaftler haben das Verhalten von Torwartlegenden bei Elfmetern untersucht.

  • Die wissenschaftliche Referenz:
    Eine berühmte Studie des Forschers Michael Bar-Eli und seines Teams untersuchte 286 Elfmeter in professionellen Fußballligen weltweit. Das Ergebnis war verblüffend: Elfmeterschützen schießen zu fast gleichen Teilen in die linke Ecke (32,2 %), die rechte Ecke (34,4 %) oder flach in die Mitte (33,3 %).

  • Für den Torwart bedeutet das:
    Die statistisch beste Chance, den Ball zu halten, liegt bei 33,3 %, wenn er einfach in der Mitte stehen bleibt. Dennoch springen Torhüter in 93,7 % aller Fälle entweder nach links oder nach rechts. Nur in mageren 6,3 % der Fälle blieben sie in der Mitte stehen. (Quelle: Bar-Eli et al., 2007, Journal of Economic Psychology).

Warum tun die Torhüter das? Weil es sich extrem schlecht anfühlt, in der Mitte stehenzubleiben und dem Ball beim Vorbeifliegen zuzusehen. Wenn der Torwart springt und den Ball verfehlt, hat er es wenigstens „versucht“. Das Springen sieht nach Arbeit aus. Das Stehenbleiben wirkt wie Faulheit oder Erstarrung – obwohl es mathematisch die klügste Wahl gewesen wäre.

Genau das ist der Action Bias. Und im B2B-Einkauf verhalten sich Einkäufer oft genau wie diese Torhüter.

 

Warum B2B-Einkäufer besonders gefährdet sind 📉


Der moderne B2B-Einkauf ist kein ruhiger Verwaltungsjob mehr. Lieferketten sind global, Preise schwanken stark und politische Krisen sorgen für ständige Unruhe. Einkäufer stehen unter Dauerstress.

Dieser Stress befeuert den Action Bias durch drei Hauptfaktoren:

 

1. Der Druck der Vorgesetzten


Wenn ein Bandstillstand droht, will die Geschäftsführung Action sehen. Ein Einkäufer, der sagt: „Ich beobachte den Markt erst einmal zwei Tage, bevor ich teuer nachbestelle“, erntet oft kritische Blicke.

Ein Einkäufer, der sofort drei neue (wenn auch überteuerte) Verträge vorlegt, gilt als Macher und Krisenmanager.

 

2. Angst vor Reue (Regret Avoidance)


Niemand möchte sich später rechtfertigen müssen, warum er „nichts getan“ hat. Wenn ein Einkäufer untätig bleibt und die Preise weiter steigen, macht er sich angreifbar. Wenn er jedoch teuer einkauft und die Preise danach fallen, kann er sagen: „Ich musste handeln, um die Versorgung zu sichern.“ Das Handeln dient hier als psychologisches Schutzschild.

 

3. Das Gefühl von Kontrollverlust


Eine Krise entzieht uns die Kontrolle.

Durch schnelles Handeln – E-Mails schreiben, Telefonate führen, Verträge aufsetzen – holen wir uns ein Stück dieses Kontrollgefühls zurück. Es fühlt sich einfach besser an, beschäftigt zu sein.

 

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Die Stahlkrise 🏗️


Schauen wir uns ein typisches Szenario an, das so in vielen Einkaufsabteilungen stattfindet:

Ein Einkäufer für ein Maschinenbauunternehmen erfährt, dass die Stahlpreise auf dem Weltmarkt aufgrund eines Streiks in Südamerika kurzfristig um 15 % gestiegen sind. Die Medien berichten über drohende Engpässe.

  • Die Reaktion im Action Bias:
    Der Einkäufer gerät in Panik. Er kontaktiert sofort einen neuen, ihm bisher unbekannten Händler und sichert sich eine große Menge Stahl zu dem aktuell sehr hohen Preis für die nächsten sechs Monate. Er ist erleichtert: Die Produktion ist gerettet!
  • Die Realität zwei Wochen später:
    Der Streik in Südamerika wird beigelegt. Die Stahlpreise fallen wieder auf ihr normales Niveau. Der Einkäufer sitzt nun auf einem extrem teuren Vertrag fest. Zudem stellt sich heraus, dass der neue Händler Qualitätsprobleme hat.
  • Der klügere Weg (Inaction):
    Hätte der Einkäufer zwei Tage gewartet, die Lagerbestände genau geprüft und mit bestehenden Partnern gesprochen, hätte er erkannt, dass die eigenen Vorräte noch für vier Wochen reichen. Ein Abwarten wäre in diesem Fall die günstigste und sicherste Option gewesen.

Die versteckten Kosten des blinden Aktionismus 💸


Der Action Bias ist kein harmloser psychologischer Fehler. Er kostet Unternehmen bares Geld.

Die häufigsten Folgen sind:

  • Erhöhte Einstandspreise:
    Wer unter Druck schnell kauft, verhandelt schlecht.

  • Schlechtere Qualität:
    Neue Lieferanten werden nicht ausreichend geprüft (Stichwort: Supplier Quality Assurance).

  • Prozesskosten:
    Das Anlegen neuer Kreditoren, Vertragsprüfungen und logistische Umstellungen fressen wertvolle Arbeitszeit.

  • Zerrüttete Partnerschaften:
    Wer bei jedem kleinen Problem sofort den Lieferanten wechselt, verliert das Vertrauen seiner langjährigen, treuen Partner.

4 praktische Tipps: So entkommen Sie der Aktionismus-Falle 🛡️


Wie können Sie sich als Einkäufer vor diesem psychologischen Trick Ihres eigenen Gehirns schützen?

Hier sind vier bewährte Strategien:

 

Tipp 1: Führen Sie eine „Abkühlphase“ ein (Die 24-Stunden-Regel)


Treffen Sie bei überraschenden Nachrichten niemals sofort eine finale Entscheidung. Schreiben Sie die E-Mail, aber speichern Sie sie als Entwurf. Schlafen Sie eine Nacht darüber. Oft sieht die Welt am nächsten Morgen ganz anders aus, und der erste Panik-Impuls ist verflogen.

 

Tipp 2: Bewerten Sie die „Null-Option“


Machen Sie es sich zur Gewohnheit, bei jeder Entscheidung eine Option aufzuschreiben, die lautet: „Was passiert, wenn wir genau jetzt überhaupt nichts tun?“

Analysieren Sie die Konsequenzen des Nichtstuns genauso sachlich wie die Konsequenzen einer aktiven Handlung.
Oft ist das Risiko des Nichtstuns viel geringer, als Sie im ersten Moment dachten.

 

Tipp 3: Nutzen Sie Daten statt Bauchgefühl 📊


Erstellen Sie im Vorfeld klare Grenzwerte (Trigger-Punkte). Wann genau müssen Sie handeln?

Beispiel: Erst wenn der Sicherheitsbestand im Lager unter die Marke von 10 Tagen fällt, wird eine Notfallbestellung ausgelöst.

Liegt er bei 12 Tagen, wird abgewartet. Das nimmt die Emotionen aus der Entscheidung.

 

Tipp 4: Etablieren Sie eine gesunde Fehlerkultur


Führungskräfte müssen ihren Einkäufern den Rücken freihalten. Belohnen Sie nicht den puren Fleiß oder die Hektik, sondern die Qualität der Entscheidung. Wenn ein Einkäufer sich nach reiflicher Überlegung für das Abwarten entscheidet, sollte dies genauso wertgeschätzt werden wie eine aktive Rettungsaktion.

 

Fazit: Manchmal ist Nichtstun die härteste Arbeit 🧠


Der Action Bias ist tief in unserer Natur verwurzelt. In der Steinzeit war schnelles Weglaufen bei Gefahr oft lebensrettend.

Im komplexen B2B-Einkauf des 21. Jahrhunderts ist dieses Erbe jedoch oft ein teurer Berater.

Erfolgreiche Einkäufer zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie am schnellsten rennen, sondern dass sie wissen, wann es sich lohnt, stehenzubleiben. Atmen Sie beim nächsten logistischen Sturm erst einmal tief durch, analysieren Sie die Daten und denken Sie an den Torwart in der Mitte des Tors. Manchmal ist das bewusste Abwarten die professionellste Aktion von allen.


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Mein Name ist Claus Angerhofer - seit 30 Jahren im Dienste der Industrie als Experte für Technologie und Einkauf

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