Stellen Sie sich vor: Ein erfahrener Ingenieur aus der Entwicklungsabteilung und ein strategischer Einkäufer sitzen zusammen, um die Spezifikationen für ein neues, hochkomplexes Bauteil zu
besprechen. Der Ingenieur, ein Meister seines Fachs, spricht von „anisotropen Materialeigenschaften“ und „hysteresebehafteten Toleranzfenstern“. Der Einkäufer, ebenfalls ein Experte, aber in den
Bereichen Vertragsrecht und Lieferkettenmanagement, nickt verständnisvoll, während in seinem Kopf ein großes Fragezeichen aufleuchtet. 🤔
Beide sind hochintelligente Fachleute, beide wollen das Beste für das Unternehmen. Und doch reden sie aneinander vorbei.
Dieses alltägliche Szenario ist ein klassisches Beispiel für eine kognitive Verzerrung, die als "Curse of Knowledge" oder auf Deutsch "Fluch des Wissens" bekannt ist.
Dieser "Fluch" kann gerade in der Industriebeschaffung zu teuren Missverständnissen, Verzögerungen und Fehlentscheidungen führen.
Was genau ist der "Fluch des Wissens"?
Der Fluch des Wissens ist eine kognitive Voreingenommenheit, bei der eine Person, die über ein bestimmtes Wissen verfügt, unbewusst annimmt, dass auch andere
dieses Wissen besitzen. Sobald wir etwas wissen, fällt es uns extrem schwer, uns vorzustellen, wie es war, es nicht zu wissen. Unser Gehirn kann das einmal Gelernte nicht einfach
"ent-lernen", um uns in die Perspektive eines Unwissenden hineinzuversetzen.
Dieses Phänomen führt dazu, dass Experten oft Schwierigkeiten haben, ihr Fachwissen verständlich an Laien oder auch an Experten aus anderen Fachbereichen zu vermitteln.
Sie verwenden Fachjargon, setzen Hintergrundwissen voraus und überschätzen, wie gut ihre Botschaft verstanden wird.
Das Klopf-Experiment: Ein eindrücklicher Beweis 🎶
Eine der bekanntesten Studien, die diesen Effekt demonstriert, wurde 1990 von der Psychologin Elizabeth Newton an der Stanford Universität durchgeführt. Bei diesem Experiment ließ sie eine Gruppe
von Teilnehmern ("Klopfer") bekannte Lieder wie "Happy Birthday" auf einen Tisch klopfen. Eine zweite Gruppe ("Zuhörer") musste die Lieder erraten.
Bevor das Experiment begann, schätzten die Klopfer, dass etwa 50 % der Lieder erraten würden. Sie selbst hatten die Melodie ja klar und deutlich im Kopf. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd: Von
120 geklopften Liedern wurden nur drei erkannt – eine Erfolgsquote von gerade einmal 2,5 %. (Quelle: Studie von Elizabeth Newton, 1990) Die Klopfer waren "verflucht" von ihrem Wissen über die
Melodie und konnten sich nicht in die Zuhörer hineinversetzen, die nur eine Reihe von unzusammenhängenden Klopfgeräuschen hörten.
Die Auswirkungen des Wissensfluchs in der Industriebeschaffung
In der komplexen Welt der Industriebeschaffung, wo technische Spezifikationen, kommerzielle Bedingungen und logistische Anforderungen
aufeinandertreffen, ist die Gefahr des Wissensfluchs allgegenwärtig.
Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Abteilungen wie Engineering, Einkauf, Qualitätssicherung und Produktion ist essenziell, aber jede Abteilung hat ihre eigene "Sprache" und ihr eigenes
Expertenwissen.
Konkrete Herausforderungen sind:
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Unklare Anforderungskataloge:
Ingenieure und Techniker erstellen Lastenhefte, die vor Fachbegriffen und impliziten Annahmen nur so strotzen.
Sie gehen davon aus, dass der Einkauf genau weiß, was mit einer "Befestigung nach DIN EN ISO 4017 mit einer zusätzlichen Passivierungsschicht" gemeint ist. Der Einkäufer versteht vielleicht die Norm, aber nicht die kritische Wichtigkeit der speziellen Beschichtung, was bei der Auswahl von Lieferanten zu Fehlern führen kann.
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Fehlinterpretationen bei Lieferantengesprächen:
Ein Einkäufer, der die technischen Details nicht zu 100 % versteht, kann die Rückfragen oder Vorschläge eines Lieferanten falsch bewerten. Möglicherweise wird eine kostengünstigere, aber technisch ungeeignete Alternative akzeptiert, weil der Experte des Lieferanten ebenfalls dem Wissensfluch unterliegt und seine Erklärungen für den Einkäufer nicht verständlich genug formuliert.
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Ineffiziente Verhandlungen:
Wenn das Einkaufsteam die technischen Notwendigkeiten hinter bestimmten Forderungen nicht nachvollziehen kann, wird es schwierig, Prioritäten zu setzen. Es wird vielleicht hart um einen Preisnachlass für ein Standardteil verhandelt, während eine teurere, aber für die Produktqualität entscheidende Komponente ohne tiefere Prüfung durchgewunken wird.
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Interne Konflikte:
Missverständnisse führen oft zu Frustration. Die Entwicklungsabteilung fühlt sich vom Einkauf missverstanden, der Einkauf fühlt sich von den Technikern mit unverständlichen Informationen alleingelassen. Dies belastet die Zusammenarbeit und verlangsamt Prozesse. ⏳
Der Fluch als Innovations- und Effizienzbremse
Der Wissensfluch behindert nicht nur die tägliche Routine, er kann auch Innovationen ausbremsen.
Wenn Fachexperten ihre Ideen nicht so kommunizieren können, dass sie auch von Entscheidungsträgern ohne technischen Hintergrund verstanden werden, versanden vielversprechende Projekte. Ein Controller wird einer Investition in eine neue Fertigungstechnologie kaum zustimmen, wenn er den
strategischen Vorteil hinter dem technischen Fachjargon nicht erkennen kann.
Zudem führt die Annahme, dass alle das Gleiche wissen, zu einer ineffizienten Wissensweitergabe.
Erfahrene Mitarbeiter versäumen es, ihr Wissen adäquat zu dokumentieren oder an jüngere Kollegen weiterzugeben, weil sie viele Prozessschritte als "selbstverständlich" erachten. Dies führt zu
Wissensverlust und verlängerten Einarbeitungszeiten.
💡 5 Tipps, um den Wissensfluch zu besiegen
Glücklicherweise ist man diesem kognitiven Bias nicht hilflos ausgeliefert.
Mit Bewusstsein und den richtigen Techniken kann man seine negativen Auswirkungen deutlich reduzieren.
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Kennen Sie Ihr Gegenüber:
Bevor Sie in ein Gespräch gehen, fragen Sie sich: Welchen Wissenshintergrund hat mein Gesprächspartner?
Welche Informationen sind für ihn oder sie relevant? Einem Controller müssen Sie den wirtschaftlichen Nutzen erklären, einem Logistiker die Auswirkungen auf die Lieferkette.
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Vermeiden Sie Fachjargon und Abkürzungen:
Sprechen Sie in einer klaren und einfachen Sprache. Wenn ein Fachbegriff unumgänglich ist, erklären Sie ihn kurz und verständlich. Denken Sie daran: Was für Sie alltäglich ist, kann für andere ein Fremdwort sein.
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Nutzen Sie Beispiele, Analogien und Bilder:
Komplexe Sachverhalte lassen sich oft am besten durch konkrete Beispiele oder Vergleiche erklären. Eine einfache Skizze oder ein Schaubild kann mehr bewirken als tausend Worte. Visualisierungen schaffen eine gemeinsame Verständnisebene.
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Holen Sie sich externes Feedback:
Lassen Sie Ihre Präsentationen, E-Mails oder Anforderungskataloge von jemandem gegenlesen, der nicht tief im Thema steckt – zum Beispiel einem Kollegen aus einer anderen Abteilung. Wenn diese Person es versteht, sind Sie auf dem richtigen Weg.
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Stellen Sie gezielte Rückfragen:
Als Empfänger von Informationen sollten Sie sich nicht scheuen, nachzufragen. Sätze wie "Habe ich das richtig verstanden, dass...?" oder "Können Sie mir das an einem Beispiel erklären?" sind keine Zeichen von Unwissenheit, sondern von Professionalität und dem Willen, Missverständnisse zu vermeiden.
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Mitarbeiter tauschen Rollen:
Warum nicht eine Person mit technischem Hintergrund im Einkauf anstellen? oder im Vertrieb?
Zusammenfassung
Der "Fluch des Wissens" ist eine unsichtbare, aber mächtige Barriere in der professionellen Kommunikation, insbesondere in der schnittstellenreichen Welt der Industriebeschaffung. Experten neigen
unbewusst dazu, ihr eigenes Wissensniveau bei anderen vorauszusetzen, was zu teuren und frustrierenden Missverständnissen führt.
Der Schlüssel zur Überwindung dieses Fluchs liegt im Bewusstsein für seine Existenz und in der bewussten Anstrengung, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen. Indem wir unsere Sprache vereinfachen, auf Fachjargon verzichten, visuelle Hilfsmittel nutzen und aktiv Feedback einholen, können wir Brücken zwischen den Wissensinseln der
verschiedenen Abteilungen bauen. Eine klare, verständliche und empathische Kommunikation ist letztlich kein "Soft Skill", sondern ein harter Erfolgsfaktor für eine effiziente und erfolgreiche
Beschaffung.
Weiterführende Links
- Experten-Laien-Kommunikation – Wenn Fachleute und Kunden sich nicht verstehen (Artikel der Universität Münster)
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