Stell dir vor, die Weltwirtschaft ist wie ein riesiges, kompliziertes Netz. Über Jahrzehnte haben Unternehmen ihre Produktionsstätten dorthin verlagert, wo es am günstigsten war – oft ans andere
Ende der Welt. Diesen Prozess nennt man „Offshoring“.
Doch in letzter Zeit beobachten wir einen spannenden Gegentrend: Immer mehr Firmen holen ihre Produktion wieder zurück nach Hause oder in die nähere
Umgebung. Dieses Phänomen heißt Reshoring. 🏝️➡️🏠
Was steckt dahinter und warum ist das gerade für den Einkauf in der Industrie so wichtig? In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt des Reshorings ein und erklären, warum dieser Trend die
Spielregeln für Lieferketten und Beschaffung komplett neu schreibt.
Was genau ist Reshoring?
Reshoring ist die strategische Entscheidung von Unternehmen, ihre Produktions- oder Logistikprozesse aus dem Ausland zurück ins Heimatland zu
verlagern. Es ist die direkte Antwort auf die Nachteile der Globalisierung, die in den letzten Jahren immer deutlicher wurden. Während „Offshoring“ also die Auslagerung ins Ausland
beschreibt, meint Reshoring den Weg zurück zu den Wurzeln. Eine weitere Alternative ist das Friendshoring - in ein Land gehen, das günstig aber sicher ist.
Manchmal wird in diesem Zusammenhang auch von Nearshoring gesprochen. Dabei wird die Produktion nicht direkt ins Heimatland, sondern in geografisch nahe gelegene Länder verlagert.
Beide Strategien haben ein gemeinsames Ziel: die Lieferketten kürzer, sicherer und kontrollierbarer zu machen.
Warum ist Reshoring plötzlich so ein großes Thema?
Der Wandel kommt nicht von ungefähr.
Mehrere globale Ereignisse und wirtschaftliche Entwicklungen haben Unternehmen dazu bewogen, ihre Lieferketten neu zu überdenken:
-
Geopolitische Unsicherheiten:
Handelskonflikte, politische Spannungen und Krisen wie der Ukraine-Krieg oder Iran Feldzug haben gezeigt, wie schnell globale Lieferketten zusammenbrechen können. Eine zu große Abhängigkeit von einzelnen Ländern wird zunehmend als Risiko gesehen. -
Die COVID-19-Pandemie:
Kaum etwas hat die Verletzlichkeit unserer globalisierten Welt so offengelegt wie die Pandemie. Plötzlich fehlten wichtige Teile, weil Fabriken stillstanden oder Häfen überlastet waren. Die Sicherheit der Versorgungskette rückte in den Fokus. -
Steigende Kosten im Ausland:
Die Lohnkosten in vielen klassischen „Billiglohnländern“ sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Hinzu kommen unkalkulierbare Transport- und Logistikkosten. -
Der Wunsch nach mehr Kontrolle:
Wenn die Produktion Tausende von Kilometern entfernt ist, leidet oft die Qualitätskontrolle. Durch die Rückverlagerung haben Unternehmen wieder direkten Zugriff auf ihre Fertigung und können schneller auf Probleme reagieren. -
Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein:
Kürzere Transportwege bedeuten weniger CO₂-Ausstoß. Immer mehr Verbraucher und Investoren achten auf einen nachhaltigen Fußabdruck, was den Druck auf Unternehmen erhöht, umweltfreundlicher zu produzieren.
Die Vorteile von Reshoring für den Industrieeinkauf
Für Einkäufer in der Industrie bringt der Reshoring-Trend eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich. Es geht hier nicht nur um ein gutes Gefühl, weil man „lokal“ kauft, sondern um handfeste
strategische Pluspunkte.
✅ Mehr Sicherheit und Widerstandsfähigkeit (Resilienz)
Kürzere Lieferketten sind weniger anfällig für Störungen. Das Risiko von Lieferverzögerungen durch Naturkatastrophen, politische Unruhen oder andere Krisen sinkt erheblich. Unternehmen können
ihre Produktion besser planen und die Versorgungssicherheit für kritische Bauteile deutlich erhöhen.
Beispiel:
Ein deutscher Maschinenbauer, der wichtige Elektronikkomponenten aus Asien bezieht, stand während der Pandemie wochenlang still. Ein Mitbewerber, der seine Chips von einem Hersteller aus einem
Nachbarland bezieht (Nearshoring), konnte weiterproduzieren.
✅ Bessere Kontrolle über Qualität und Prozesse
Die geografische Nähe zum Lieferanten erleichtert die Zusammenarbeit und die Qualitätskontrolle. Absprachen sind einfacher, Besuche vor Ort unkomplizierter und bei Problemen kann man schnell gemeinsam eine Lösung finden. Das führt zu hochwertigeren Produkten und weniger Ausschuss.
✅ Kürzere Lieferzeiten und mehr Flexibilität
Wer lokal produziert, kann schneller auf die Wünsche seiner Kunden reagieren. Statt wochenlang auf eine Lieferung per Schiff zu warten, sind die Teile oft innerhalb weniger Tage verfügbar. Das
ermöglicht eine „Just-in-Time“-Produktion und reduziert die Notwendigkeit, große und teure Lager zu unterhalten.
✅ Stärkung der heimischen Wirtschaft
Reshoring schafft Arbeitsplätze im eigenen Land und stärkt die lokale Wirtschaft. Das verbessert nicht nur das Image des Unternehmens, sondern sichert auch
wichtiges Know-how am heimischen Standort.
✅ Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil
Kürzere Wege bedeuten eine bessere CO₂-Bilanz. Für viele Unternehmen wird dies zu einem wichtigen Verkaufsargument.
Zudem gelten in Europa oft strengere Umwelt- und Sozialstandards, deren Einhaltung durch Reshoring einfacher nachzuweisen ist.
Die Herausforderungen: Reshoring ist kein Spaziergang
Trotz der vielen Vorteile ist die Rückverlagerung der
Produktion kein einfaches Unterfangen.
Es gibt einige Hürden, die Unternehmen überwinden müssen:
-
Höhere Kosten:
Die Lohn- und Produktionskosten sind in Industrieländern oft höher als im Ausland. Unternehmen müssen genau kalkulieren, ob sich die Rückverlagerung rechnet. -
Fachkräftemangel:
In vielen Branchen ist es schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Unternehmen müssen daher in die Aus- und Weiterbildung investieren. -
Hohe Anfangsinvestitionen:
Der Aufbau neuer Produktionsstätten kostet viel Geld. Maschinen, Gebäude und Infrastruktur müssen finanziert werden. -
Komplexe Umsetzung:
Eine Produktion zu verlagern, ist ein hochkomplexer Prozess, der eine sorgfältige und langfristige Planung erfordert.
Moderne Technologien wie Automatisierung und Robotik spielen eine entscheidende Rolle, um diese Herausforderungen zu meistern. Sie helfen dabei, die
höheren Lohnkosten auszugleichen und die Produktion auch in Hochlohnländern wettbewerbsfähig zu gestalten.
Beispiel aus der Praxis:
Der Sportartikelhersteller Adidas hat mit seinen „Speedfactories“ in Deutschland gezeigt, wie hochautomatisierte Fertigung funktionieren kann. Obwohl die Löhne hierzulande höher sind, konnte
durch den Einsatz von Robotern und 3D-Druck schnell und flexibel produziert werden.
Fazit: Eine strategische Neuausrichtung mit Zukunft
Reshoring ist mehr als nur ein kurzlebiger Trend. Es ist eine strategische Antwort auf die Schwachstellen einer überdehnten Globalisierung. Für den Industrieeinkauf bedeutet das eine grundlegende
Neuausrichtung: weg von der reinen Kostenoptimierung hin zu einem ganzheitlichen Risikomanagement. Die Prioritäten verschieben sich von „so billig wie möglich“ zu „so sicher und zuverlässig wie
möglich“.
Die Entscheidung für oder gegen Reshoring muss jedes Unternehmen individuell treffen und dabei alle Kosten und Nutzen sorgfältig abwägen. Doch eines ist klar: Die Fähigkeit, Lieferketten flexibel
und widerstandsfähig zu gestalten, wird in Zukunft ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein. Sicher, lokal und stark – das könnte das neue Motto für einen zukunftsfähigen Einkauf werden.
Weiterführende Links
- Reshoring: Definition, Vorteile und Nachteile - TECHNIK+EINKAUF
- Die Auswirkungen von Reshoring auf Lieferketten und Fertigung - MakerVerse
Heute noch einen Beitrag im Blog lesen:
Der Schlüssel zum Erfolg für Quereinsteiger im Einkauf liegt in einer gezielten und strukturierten Vorbereitung.
Beginne damit, dir das notwendige Fachwissen anzueignen, arbeite gezielt an den geforderten Fähigkeiten und lerne, deine bisherigen Erfahrungen selbstbewusst zu präsentieren. Der Einkauf bietet dir ein abwechslungsreiches und verantwortungsvolles Aufgabenfeld mit hervorragenden Karrierechancen.
Mein Name ist Claus Angerhofer - seit 30 Jahren im Dienste der Industrie als Experte für Technologie und Einkauf

Kommentar schreiben