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Friendshoring: Mittelstand sichert Lieferketten und Zukunft


Die letzten Jahre haben uns eines deutlich gezeigt: Lieferketten sind verletzlich.
Die Corona-Pandemie, politische Konflikte und unvorhersehbare Ereignisse wie die Blockade des Suezkanals haben die Weltwirtschaft erschüttert. Plötzlich fehlten Bauteile, Produktionen standen still und Produkte kamen nicht mehr bei den Kunden an. Besonders für den deutschen Mittelstand, das Herz unserer Wirtschaft, wurden diese Störungen zur existenziellen Bedrohung.

In dieser neuen, unsicheren Welt suchen viele Unternehmen nach Wegen, ihre Lieferketten sicherer und widerstandsfähiger – also resilienter – zu machen. Eine Strategie, die dabei immer mehr in den Fokus rückt, ist das sogenannte "Friendshoring".

Was genau verbirgt sich dahinter und welche Chancen bietet es gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)?

 

Was ist Friendshoring? 🤔


Stell dir vor, du planst eine wichtige Gruppenarbeit für die Schule. Du könntest dir Partner suchen, die vielleicht besonders schnell arbeiten, aber unzuverlässig sind (Offshoring in ferne, instabile Länder). Oder du arbeitest mit deinen besten Freunden zusammen. Ihr teilt die gleichen Werte, ihr vertraut euch und wisst, dass ihr euch aufeinander verlassen könnt. Genau das ist die Grundidee von Friendshoring.

Friendshoring bedeutet, dass Unternehmen ihre Lieferketten gezielt in Länder verlagern, die als politisch und wirtschaftlich stabil gelten und ähnliche Werte teilen.
Es geht also nicht nur darum, wo die Produktion am billigsten ist, sondern darum,
mit wem man verlässlich und langfristig zusammenarbeiten kann.

Damit unterscheidet es sich von anderen Strategien:

  • Offshoring:
    Die Verlagerung der Produktion in weit entfernte Länder, meist wegen niedrigerer Lohnkosten.
  • Nearshoring:
    Die Produktion wird in geografisch nahe Länder verlegt, um Transportwege zu verkürzen und die Kommunikation zu erleichtern.
  • Reshoring:
    Die Produktion wird aus dem Ausland zurück ins eigene Land geholt, was oft mit höheren Kosten verbunden ist.


Friendshoring kombiniert gewissermaßen die Vorteile: Man nutzt die internationale Zusammenarbeit, aber minimiert die Risiken, indem man auf "Freunde" setzt – also auf Partner in Ländern mit stabilen Demokratien, Rechtssicherheit und ähnlichen Standards.

 

Warum ist das gerade für den Mittelstand wichtig?


Großkonzerne haben oft die Mittel, um Produktionsausfälle durch riesige Lager oder eigene Werke auf der ganzen Welt abzufedern. Mittelständler sind da deutlich verwundbarer. Bricht ein wichtiger Lieferant weg, kann das schnell das ganze Unternehmen lahmlegen.

Hier bietet Friendshoring entscheidende Vorteile:

  • Risikominimierung:
    Die Zusammenarbeit mit Partnern in politisch stabilen Ländern reduziert die Gefahr von unvorhersehbaren Ausfällen durch politische Unruhen, Handelskriege oder Sanktionen.

  • Verlässlichkeit und Vertrauen:
    Gemeinsame Werte und Standards, zum Beispiel bei Qualität, Arbeitsbedingungen oder Umweltschutz, schaffen eine solide Basis für langfristige und vertrauensvolle Partnerschaften.

  • Planungssicherheit:
    Stabile Lieferketten bedeuten mehr Sicherheit für die eigene Produktion und die pünktliche Belieferung der Kunden. Das ist ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil.

Die Vorteile im Überblick ✅


Die Entscheidung für Friendshoring ist eine strategische Weichenstellung für die Zukunft.
Sie bringt eine Reihe von konkreten Vorteilen mit sich:

  • Höhere Resilienz:
    Die Lieferkette wird unempfindlicher gegenüber globalen Schocks.
  • Geteilte Qualitätsstandards:
    Partner aus Ländern mit ähnlichen Industrienormen liefern oft eine verlässlich hohe Qualität.
  • Einfachere Einhaltung von Vorschriften:
    Die Zusammenarbeit mit Ländern, die ähnliche Umwelt- und Sozialstandards haben, erleichtert die Einhaltung von Gesetzen wie dem deutschen Lieferkettengesetz.
  • Schutz des geistigen Eigentums:
    In Ländern mit starkem Rechtsschutz ist das Risiko von Produktpiraterie geringer.
  • Langfristige Partnerschaften:
    Friendshoring zielt auf stabile, dauerhafte Geschäftsbeziehungen ab, nicht auf den kurzfristig billigsten Preis.


Beispiel aus der Praxis:

Ein mittelständischer deutscher Maschinenbauer bezog bisher wichtige elektronische Komponenten von einem einzigen Lieferanten aus einem geopolitisch instabilen Land. Als dort unerwartet neue Exportzölle eingeführt wurden, explodierten die Kosten und die Lieferungen verzögerten sich. Die Produktion in Deutschland geriet ins Stocken.

Das Unternehmen entschied sich für eine Friendshoring-Strategie. Es fand einen neuen Partner in einem EU-Land wie Tschechien oder in einem anderen politisch verbündeten Staat. Die Kosten für die Bauteile sind zwar um 15 % höher, aber die Lieferungen sind absolut zuverlässig, die Qualität ist hervorragend und die Kommunikation ist durch die kulturelle Nähe viel einfacher. Die höhere Planungssicherheit und das geringere Risiko wiegen die Mehrkosten bei Weitem auf.

 

Herausforderungen und Nachteile 📉


Trotz der vielen Vorteile ist Friendshoring kein Allheilmittel und bringt auch Herausforderungen mit sich:

  • Höhere Kosten:
    Die Produktion in politisch und wirtschaftlich stabilen Ländern ist oft teurer als in klassischen "Billiglohnländern". Diese Kosten müssen Unternehmen und letztlich auch Verbraucher tragen.

  • Geringere Auswahl:
    Die Konzentration auf eine kleinere Gruppe von "befreundeten" Ländern kann die Auswahl an potenziellen Lieferanten einschränken.

  • Gefahr der "Klumpenbildung":
    Wenn sich zu viele Unternehmen auf dieselben wenigen Länder konzentrieren, können dort neue Abhängigkeiten und Engpässe entstehen.

  • Aufwand der Umstellung:
    Neue Lieferanten zu finden, zu prüfen und die Zusammenarbeit aufzubauen, erfordert Zeit, Geld und personelle Ressourcen.

Praktische Tipps für die Umsetzung


Ein Umbau der Lieferkette sollte gut geplant sein. Hier sind einige Schritte, die mittelständische Unternehmen gehen können:

  1. Risikoanalyse durchführen:
    Wo liegen die größten Risiken in meiner aktuellen Lieferkette?
    Von welchen einzelnen Lieferanten oder Ländern bin ich besonders abhängig?

  2. Partnerländer identifizieren:
    Welche Länder kommen als "Freunde" infrage?
    Kriterien können sein: Mitgliedschaft in der EU oder NATO, bestehende Handelsabkommen, politische Stabilität und Rechtsstaatlichkeit.

  3. Netzwerke nutzen:
    Organisationen wie Auslandshandelskammern (AHKs) können bei der Suche nach passenden Partnerunternehmen im Ausland helfen.

  4. Klein anfangen:
    Man muss nicht sofort die gesamte Lieferkette umstellen.
    Beginnen Sie mit einem unkritischen Bauteil oder einer Produktgruppe, um Erfahrungen zu sammeln.

  5. Digitalisierung vorantreiben:
    Moderne Software kann dabei helfen, Lieferketten transparenter zu machen und Risiken frühzeitig zu erkennen.

Fazit: Eine Investition in die Zukunft

 

Friendshoring ist mehr als nur ein neues Schlagwort – es ist eine strategische Antwort auf eine sich verändernde Weltwirtschaft. Für den deutschen Mittelstand ist es eine große Chance, sich unabhängiger von geopolitischen Unsicherheiten zu machen und die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern.

Der Weg dorthin mag mit höheren Kosten und Aufwand verbunden sein, doch er ist eine Investition in das wohl wichtigste Gut in unsicheren Zeiten: Stabilität und Verlässlichkeit. Indem Unternehmen auf Partner setzen, denen sie vertrauen können, bauen sie nicht nur resilientere Lieferketten, sondern auch eine nachhaltigere Basis für ihren langfristigen Erfolg.


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