Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen sucht eine neue Software für das Kundenmanagement (CRM). Die Liste der Wünsche ist lang: Die Marketingabteilung möchte bunte Grafiken, der Vertrieb will eine
automatische Anruferkennung, und die IT-Abteilung sorgt sich vor allem um den Datenschutz. Am Ende stehen Sie vor einem riesigen Berg an Anforderungen – und keiner weiß genau, wo man anfangen
soll. 🧭
Genau hier entstehen im B2B-Einkauf teure Fehler. Es wird versucht, alles auf einmal zu kaufen.
Das Budget wird überschritten, die Einführung verzögert sich, und am Ende nutzt niemand das System, weil es viel zu kompliziert geworden ist.
Damit Ihnen das nicht passiert, gibt es ein einfaches und extrem wirksames Werkzeug: das MoSCoW-Priorisierungssystem.
In diesem Artikel erklären wir Ihnen leicht verständlich, was sich hinter dieser Methode verbirgt, wie Sie sie im B2B-Einkauf anwenden und wie Sie damit bessere und schnellere Kaufentscheidungen
treffen.
Die Herausforderung beim B2B-Einkauf: Wer die Wahl hat, hat die Qual
Im privaten Leben ist ein Kauf meistens schnell erledigt. Wenn Sie ein neues Smartphone wollen, entscheiden Sie das meist allein. Im B2B-Bereich – also wenn Unternehmen von anderen Unternehmen
kaufen – ist das ganz anders.
Hier sprechen viele Personen mit: Einkäufer, Abteilungsleiter, IT-Experten und die Geschäftsführung. Jeder hat andere Wünsche. Zudem sind die Budgets
oft hoch und Fehlentscheidungen können dem Unternehmen schaden.
Laut einer Studie des Forschungsunternehmens Gartner gaben 77 % der B2B-Käufer an, dass ihr letzter Kauf als sehr komplex oder schwierig empfunden wurde (Gartner, "The New B2B Buying Journey").
Das liegt meistens daran, dass zu viele Informationen vorliegen und die Prioritäten der verschiedenen Abteilungen nicht aufeinander abgestimmt sind.
Das MoSCoW-System hilft dabei, dieses Chaos zu ordnen.
Es bringt alle Beteiligten an einen Tisch und sorgt für eine klare, gemeinsame Richtung.
Was ist das MoSCoW-Priorisierungssystem?
Das Wort MoSCoW ist ein sogenanntes Akronym. Das bedeutet, dass die großen Buchstaben in dem Wort für vier verschiedene Kategorien stehen. Die kleinen "o"s wurden nur eingebaut, damit man das
Wort besser aussprechen kann (wie die Stadt Moskau auf Englisch).
Die vier Buchstaben stehen für:
- M – Must-have (Was wir unbedingt brauchen)
- S – Should-have (Was wir haben sollten)
- C – Could-have (Was nett wäre zu haben)
- W – Won't-have (Was wir dieses Mal nicht wollen)
🎯 Lassen Sie uns diese vier Schubladen einmal genauer anschauen.
- M - Must-have ---> Lebensnotwendig für das Projekt
- S - Should-have ---> Sehr wichtig, aber nicht tödlich, wenn es fehlt
- C - Could-have ---> "Nice to have" (Schön zu haben)
- W - Won't-have ---> Aktuell ausgeschlossen (spart Zeit & Geld)
1. Must-haves: Die Überlebenswichtigen Dinge
Ohne diese Anforderungen macht der Kauf keinen Sinn.
Wenn ein Anbieter dieses Kriterium nicht erfüllt, fliegt er sofort aus dem Rennen.
Beispiel: Eine neue Software muss den aktuellen europäischen Datenschutzrichtlinien (DSGVO) entsprechen. Tut sie das nicht, darf das Unternehmen sie gesetzlich gar nicht nutzen.
2. Should-haves: Die wichtigen Unterstützer
Diese Funktionen sind sehr wichtig und bringen dem Unternehmen großen Nutzen.
Aber: Wenn sie fehlen, ist das kein Weltuntergang. Man kann das Problem zur Not auch anders lösen – zum Beispiel mit einem kleinen Umweg oder einer manuellen Zwischenlösung.
Beispiel: Die neue Software sollte sich automatisch mit dem Outlook-Kalender der Mitarbeiter verbinden.
Wenn das nicht geht, muss man Termine eben per Hand eintragen. Das ist lästig, aber machbar.
3. Could-haves: Die netten Extras ("Nice-to-have")
Hier landen alle Wünsche, die schön wären, aber keinen direkten Einfluss auf den Erfolg des Projekts haben.
Man setzt sie nur um, wenn am Ende noch Zeit und Budget übrig sind.
Beispiel: Die Benutzeroberfläche der Software lässt sich in den Lieblingsfarben des Nutzers gestalten.
Das ist hübsch anzusehen, steigert aber die Produktivität kaum.
4. Won't-haves: Die bewussten Verzichte
Diese Kategorie ist fast die wichtigste. Hier schreiben Sie alles auf, was dieses Mal bewusst nicht gekauft oder umgesetzt wird.
Das schützt Sie vor unnötigen Kosten und sorgt dafür, dass sich das Projekt nicht im Kreis dreht.
Beispiel: Eine Anbindung an das 20 Jahre alte, veraltete Lagersystem wird nicht umgesetzt, weil dieses System nächstes Jahr ohnehin ausgetauscht wird.
Das MoSCoW-System im B2B-Alltag: Ein konkretes Beispiel
Nehmen wir an, ein mittelständisches Logistikunternehmen möchte neue Handscanner für die Mitarbeiter im Lager anschaffen.
Die Geschäftsführung setzt eine Arbeitsgruppe aus dem Lagerleiter, einem IT-Spezialisten und dem Einkäufer zusammen.
Gemeinsam füllen sie die MoSCoW-Liste aus:
- Must-have (M):
Die Scanner müssen stoßfest sein (Stürze aus 1,5 Metern Höhe auf Beton überstehen) und der Akku muss mindestens 8 Stunden am Stück halten (eine komplette Schicht).
- Should-have (S):
Die Scanner sollten ein geringes Gewicht haben (unter 300 Gramm), damit die Mitarbeiter nicht ermüden.
- Could-have (C):
Die Scanner könnten eine eingebaute Taschenlampen-Funktion haben, falls mal in einer dunklen Ecke des Lagers gearbeitet wird.
- Won't-have (W):
Eine integrierte Kamera für hochauflösende Fotos wird für diesen Kauf ausgeschlossen, da Schäden am Paket bereits über ein anderes System dokumentiert werden.
Das Ergebnis: Der Einkäufer weiß nun ganz genau, wonach er suchen muss. Er verliert keine Zeit mit Angeboten von Scannern, die nach zwei Stunden leer sind (Must-have nicht erfüllt), und zahlt keinen Aufpreis für unnötige Kameras (Won't-have).
Schritt-für-Schritt: So führen Sie eine MoSCoW-Analyse durch
Wenn Sie die Methode in Ihrem Unternehmen anwenden möchten, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen.
Hier ist eine einfache Anleitung:
Schritt 1: Die richtigen Leute an einen Tisch holen
Kaufen Sie nicht am grünen Tisch vorbei.
Holen Sie Vertreter aller Abteilungen ab, die später mit dem Produkt oder der Dienstleistung arbeiten werden.
Schritt 2: Alle Wünsche sammeln (Brainstorming)
Schreiben Sie zunächst alle Ideen und Wünsche auf – ohne Bewertung. Nutzen Sie dafür Post-its oder ein digitales Whiteboard.
Jede Abteilung darf ihre Anforderungen ungefiltert aufschreiben.
Schritt 3: Die MoSCoW-Regeln anwenden
Jetzt wird sortiert. Gehen Sie jeden Punkt einzeln durch und stellen Sie die Frage:
"Was passiert, wenn wir dieses Feature am Tag der Einführung nicht haben?"
- Ist das Projekt dann gescheitert? -> Must-have
- Gibt es eine Übergangslösung? -> Should-have
💡 Wichtiger Tipp:
Achten Sie darauf, dass nicht alles zu einem "Must-have" wird. Eine gute Faustregel besagt, dass maximal 60 % aller Anforderungen Must-haves sein dürfen. Der Rest verteilt sich auf Should-, Could- und Won't-haves.
Schritt 4: Schriftlich festhalten und unterschreiben lassen
Wenn die Liste fertig ist, sollten alle Beteiligten ihr Okay geben.
Das verhindert, dass mitten im Kaufprozess plötzlich neue, teure Wünsche auftauchen.
Praktische Tipps für Ihren Erfolg
-
Bleiben Sie hartnäckig:
Abteilungen neigen dazu, jeden ihrer Wünsche als "lebensnotwendig" zu verkaufen.
Hinterfragen Sie Must-haves immer kritisch.
-
Nutzen Sie die Liste bei Verhandlungen:
Wenn ein Anbieter zu teuer ist, schauen Sie auf Ihre "Could-have"-Liste.
Streichen Sie diese Punkte zuerst, um den Preis zu senken.
-
Planen Sie flexibel:
Ein "Won't-have" ist nicht für immer verloren. Es bedeutet nur: "Nicht bei diesem Kauf".
Bei einem späteren Update kann daraus ein "Should-have" werden.
Fazit: Schneller, günstiger und stressfreier entscheiden
Das MoSCoW-Priorisierungssystem ist ein wunderbar einfaches, aber mächtiges Werkzeug für den B2B-Einkauf.
Es nimmt die Emotionen aus schwierigen Diskussionen und ersetzt sie durch klare, logische Argumente.
Indem Sie Ihre Anforderungen in Must-haves, Should-haves, Could-haves und Won't-haves einteilen, behalten Sie im Dschungel der Angebote stets den Überblick. Sie sparen wertvolle Zeit bei der
Anbietersuche, schonen Ihr Budget und stellen sicher, dass Sie am Ende genau das Produkt bekommen, das Ihr Unternehmen wirklich weiterbringt. 🎯
Weiterführende Links
- Die MoSCoW-Methode verständlich erklärt auf Projektmagazin.de
Heute noch einen Blogartikel lesen - der Blockaden lösen wird:
Nicht das Problem selbst ist das größte Hindernis für den Erfolg, sondern oft die Art und Weise, wie wir das
Problem in unserem Kopf vergrößern.
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