· 

Die Evolution des Industrieeinkaufs: Wie sich die Beschaffung seit 1970 neu erfunden hat


Stell dir vor, du müsstest für ein großes Industrieunternehmen Schrauben bestellen. Nicht nur eine Handvoll, sondern Tausende. Wie würdest du das anstellen? Heute würdest du wahrscheinlich online Preise vergleichen, E-Mails schreiben und alles digital verwalten. Aber wie sah das vor über 50 Jahren aus? Die Welt des Industrieeinkaufs hat sich seit 1970 dramatisch verändert – von einer reinen Bestellabteilung hin zu einem strategischen Zentrum für den Unternehmenserfolg. Begleite uns auf einer Zeitreise 🕰️.

Infografik der Themen, NanoBanana, prompted by Claus Angerhofer
Infografik der technischen Evolution zur Unterstützung in der Arbeitswelt.

Die 1970er: Das Zeitalter von Telefon, Telex und Karteikarten

 

In den 1970er Jahren war der Einkauf vor allem eines: reaktiv und administrativ. Die Hauptaufgabe des Einkäufers bestand darin, Bestellungen auszulösen, wenn eine Abteilung einen Bedarf meldete. Die wichtigsten Werkzeuge waren das Telefon, der Fernschreiber (Telex) und riesige Aktenschränke voller Lieferantenkataloge und Karteikarten.

Ein typischer Ablauf sah so aus:

  1. Eine Abteilung (z. B. die Produktion) füllte einen Anforderungsschein auf Papier aus.
  2. Der Einkäufer suchte in seinen Unterlagen nach passenden Lieferanten.
  3. Angebote wurden telefonisch oder per Post eingeholt – ein Prozess, der Tage oder Wochen dauern konnte.
  4. Nach dem Vergleich der Angebote wurde die Bestellung per Schreibmaschine getippt und per Post versendet.

Der Fokus lag klar auf der reinen Abwicklung und darauf, den günstigsten Preis für eine angeforderte Ware zu finden. Eine langfristige Planung oder enge Zusammenarbeit mit Lieferanten war selten. Der Einkäufer war mehr ein Verwalter als ein Gestalter.

 

Die 1980er & 1990er: Der Computer hält Einzug 💻


Mit dem Aufkommen der ersten Personal Computer und später des Internets begann eine Revolution. Anfangs wurden Computer vor allem für die Textverarbeitung und Tabellenkalkulation genutzt. Bestellungen mussten nicht mehr mit der Schreibmaschine getippt werden, und Preisvergleiche ließen sich in Excel-ähnlichen Programmen einfacher darstellen.

Der entscheidende Wandel kam mit der Einführung von ERP-Systemen (Enterprise-Resource-Planning). Diese Software-Systeme vernetzten verschiedene Abteilungen eines Unternehmens. Plötzlich konnte der Einkauf sehen, welche Lagerbestände vorhanden waren und welche Bedarfe die Produktion plante. Bestellungen konnten direkt im System ausgelöst und digital an die Lieferanten übermittelt werden – zum Beispiel per Fax oder später über erste Online-Verbindungen.

In den 1990er Jahren erkannten immer mehr Unternehmen die strategische Bedeutung des Einkaufs. Es ging nicht mehr nur darum, Kosten zu senken, sondern auch darum, die Versorgung zu sichern und die Qualität zu verbessern.

 

Die 2000er: Globalisierung und der strategische Einkauf


Die Jahrtausendwende war geprägt von der Globalisierung. Unternehmen begannen, weltweit nach den besten und günstigsten Lieferanten zu suchen ("Global Sourcing"). Dies erhöhte die Komplexität der Lieferketten enorm. Plötzlich mussten sich Einkäufer mit Zöllen, internationalen Transportwegen und unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen.

Diese Entwicklung führte zur Aufteilung des Einkaufs in zwei Bereiche:

  • Der operative Einkauf:
    Er kümmert sich weiterhin um das Tagesgeschäft – also das Auslösen von Bestellungen und die Überwachung von Lieferterminen.
  • Der strategische Einkauf:
    Dieser Bereich übernimmt die langfristige Planung. Seine Aufgaben sind unter anderem die Analyse der Beschaffungsmärkte, die Auswahl und Entwicklung von Lieferanten sowie das Management von Risiken in der Lieferkette.

Der Einkäufer wandelte sich vom reinen Besteller zum strategischen Partner innerhalb des Unternehmens. Er wurde zu einem Experten, der nicht nur Preise verhandelt, sondern auch Märkte analysiert und Lieferantenbeziehungen aufbaut.

 

Die 2010er bis heute: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz


Die letzten Jahre stehen im Zeichen der Digitalisierung (Einkauf 4.0), die weit über ERP-Systeme hinausgeht. Moderne Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Datenanalyse-Tools und digitale Beschaffungsplattformen prägen den Alltag.

Konkrete Veränderungen sind:

  • Automatisierung:
    Routineaufgaben wie das Auslösen von Standardbestellungen werden heute oft vollautomatisch von Software erledigt.
    Das gibt den Einkäufern Zeit für strategisch wichtigere Aufgaben.

  • Datenanalyse:
    Große Datenmengen ("Big Data") helfen dabei, Ausgaben zu analysieren, Einsparpotenziale zu finden und Lieferantenleistungen objektiv zu bewerten.

  • E-Procurement-Plattformen:
    Ähnlich wie bei Amazon können Unternehmen auf digitalen Marktplätzen Produkte und Dienstleistungen direkt bei Lieferanten bestellen und den gesamten Prozess digital abwickeln.


Neben der Technologie sind zwei weitere Themen in den Fokus gerückt:

  • Nachhaltigkeit 🌳:
    Unternehmen müssen heute nachweisen, woher ihre Rohstoffe stammen und unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen sie produziert werden. Der Einkauf spielt eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen, indem er gezielt umweltfreundliche und fair handelnde Lieferanten auswählt.

  • Resilienz der Lieferketten:
    Die Corona-Pandemie und geopolitische Krisen haben gezeigt, wie anfällig globale Lieferketten sein können. Die Aufgabe des Einkaufs ist es heute, Risiken zu minimieren, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit mehreren Lieferanten oder die Verlagerung der Beschaffung in geografisch nähere Regionen ("Nearshoring").

Fazit: Vom Verwalter zum Wertschöpfungs-Architekten


Die Reise des Industrieeinkaufs von 1970 bis heute ist beeindruckend. Aus einer reinen Verwaltungsabteilung, die mit Telefon und Karteikarten arbeitete, ist eine hochstrategische Funktion geworden, die maßgeblich zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt.
Der moderne Einkäufer ist ein datengetriebener Analyst, ein globaler Netzwerker, ein Risikomanager und ein Treiber für Nachhaltigkeit. 
Er gestaltet aktiv die Wertschöpfungskette und sichert die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens in einer immer komplexeren Welt.

Die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Künstliche Intelligenz wird die Prozesse weiter verändern und den strategischen Fokus noch stärker in den Vordergrund rücken. Es bleibt eine spannende Reise.


Weiterführende Links


Gespannt auf einen weiteren Blogartikel?
Die Kosten in Ihrer aktuellen Lokation sind zu hoch, aber die Risiken im Offshoring zu groß? Dann ist Friendshoring das Buzzword das Sie interessieren wird:


Mein Name ist Claus Angerhofer - ich bin Experte für die Themenbereiche Technologie und Einkauf

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
6 Eckiges Logo

 

Claus Angerhofer

 

Telefon:  +43 663 0604 5825

Mail: Claus"at"Talentematrix.com

 

 

 

Meine Expertise für Sie:

alles rund um die Themen

 

B2B Einkauf und Technologie