Stell dir vor, du müsstest für ein großes Industrieunternehmen Schrauben bestellen. Nicht nur eine Handvoll, sondern Tausende. Wie würdest du das anstellen? Heute würdest du wahrscheinlich online
Preise vergleichen, E-Mails schreiben und alles digital verwalten. Aber wie sah das vor über 50 Jahren aus? Die Welt des Industrieeinkaufs hat sich seit 1970 dramatisch verändert – von einer
reinen Bestellabteilung hin zu einem strategischen Zentrum für den Unternehmenserfolg. Begleite uns auf einer Zeitreise 🕰️.

Die 1970er: Das Zeitalter von Telefon, Telex und Karteikarten
In den 1970er Jahren war der Einkauf vor allem eines: reaktiv und administrativ. Die Hauptaufgabe des Einkäufers bestand darin, Bestellungen auszulösen, wenn eine Abteilung einen Bedarf meldete.
Die wichtigsten Werkzeuge waren das Telefon, der Fernschreiber (Telex) und riesige Aktenschränke voller Lieferantenkataloge und Karteikarten.
Ein typischer Ablauf sah so aus:
- Eine Abteilung (z. B. die Produktion) füllte einen Anforderungsschein auf Papier aus.
- Der Einkäufer suchte in seinen Unterlagen nach passenden Lieferanten.
- Angebote wurden telefonisch oder per Post eingeholt – ein Prozess, der Tage oder Wochen dauern konnte.
- Nach dem Vergleich der Angebote wurde die Bestellung per Schreibmaschine getippt und per Post versendet.
Der Fokus lag klar auf der reinen Abwicklung und darauf, den günstigsten Preis für eine angeforderte Ware zu finden. Eine langfristige Planung oder enge Zusammenarbeit mit Lieferanten war selten. Der Einkäufer war mehr ein Verwalter als ein Gestalter.
Die 1980er & 1990er: Der Computer hält Einzug 💻
Mit dem Aufkommen der ersten Personal Computer und später des Internets begann eine Revolution. Anfangs wurden Computer
vor allem für die Textverarbeitung und Tabellenkalkulation genutzt. Bestellungen mussten nicht mehr mit der Schreibmaschine getippt werden, und Preisvergleiche ließen sich in Excel-ähnlichen
Programmen einfacher darstellen.
Der entscheidende Wandel kam mit der Einführung von ERP-Systemen (Enterprise-Resource-Planning). Diese Software-Systeme vernetzten verschiedene Abteilungen
eines Unternehmens. Plötzlich konnte der Einkauf sehen, welche Lagerbestände vorhanden waren und welche Bedarfe die Produktion plante. Bestellungen konnten direkt im System ausgelöst und digital
an die Lieferanten übermittelt werden – zum Beispiel per Fax oder später über erste Online-Verbindungen.
In den 1990er Jahren erkannten immer mehr Unternehmen die strategische Bedeutung des Einkaufs. Es ging nicht mehr nur darum, Kosten zu senken, sondern auch darum, die Versorgung zu sichern und die Qualität zu verbessern.
Die 2000er: Globalisierung und der strategische Einkauf
Die Jahrtausendwende war geprägt von der Globalisierung. Unternehmen begannen, weltweit nach den besten und günstigsten Lieferanten zu suchen ("Global
Sourcing"). Dies erhöhte die Komplexität der Lieferketten enorm. Plötzlich mussten sich Einkäufer mit Zöllen, internationalen Transportwegen und
unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen.
Diese Entwicklung führte zur Aufteilung des Einkaufs in zwei Bereiche:
-
Der operative Einkauf:
Er kümmert sich weiterhin um das Tagesgeschäft – also das Auslösen von Bestellungen und die Überwachung von Lieferterminen. -
Der strategische Einkauf:
Dieser Bereich übernimmt die langfristige Planung. Seine Aufgaben sind unter anderem die Analyse der Beschaffungsmärkte, die Auswahl und Entwicklung von Lieferanten sowie das Management von Risiken in der Lieferkette.
Der Einkäufer wandelte sich vom reinen Besteller zum strategischen Partner innerhalb des Unternehmens. Er wurde zu einem Experten, der nicht nur Preise verhandelt, sondern auch Märkte analysiert und Lieferantenbeziehungen aufbaut.
Die 2010er bis heute: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz
Die letzten Jahre stehen im Zeichen der Digitalisierung (Einkauf 4.0), die weit über ERP-Systeme hinausgeht. Moderne Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Datenanalyse-Tools und digitale
Beschaffungsplattformen prägen den Alltag.
Konkrete Veränderungen sind:
-
Automatisierung:
Routineaufgaben wie das Auslösen von Standardbestellungen werden heute oft vollautomatisch von Software erledigt.
Das gibt den Einkäufern Zeit für strategisch wichtigere Aufgaben.
-
Datenanalyse:
Große Datenmengen ("Big Data") helfen dabei, Ausgaben zu analysieren, Einsparpotenziale zu finden und Lieferantenleistungen objektiv zu bewerten.
-
E-Procurement-Plattformen:
Ähnlich wie bei Amazon können Unternehmen auf digitalen Marktplätzen Produkte und Dienstleistungen direkt bei Lieferanten bestellen und den gesamten Prozess digital abwickeln.
Neben der Technologie sind zwei weitere Themen in den Fokus gerückt:
-
Nachhaltigkeit 🌳:
Unternehmen müssen heute nachweisen, woher ihre Rohstoffe stammen und unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen sie produziert werden. Der Einkauf spielt eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen, indem er gezielt umweltfreundliche und fair handelnde Lieferanten auswählt.
-
Resilienz der Lieferketten:
Die Corona-Pandemie und geopolitische Krisen haben gezeigt, wie anfällig globale Lieferketten sein können. Die Aufgabe des Einkaufs ist es heute, Risiken zu minimieren, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit mehreren Lieferanten oder die Verlagerung der Beschaffung in geografisch nähere Regionen ("Nearshoring").
Fazit: Vom Verwalter zum Wertschöpfungs-Architekten
Die Reise des Industrieeinkaufs von 1970 bis heute ist beeindruckend. Aus einer reinen Verwaltungsabteilung, die mit Telefon und Karteikarten arbeitete, ist eine hochstrategische Funktion
geworden, die maßgeblich zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt.
Der moderne Einkäufer ist ein datengetriebener Analyst, ein globaler Netzwerker, ein Risikomanager und ein Treiber für Nachhaltigkeit.
Er gestaltet aktiv die Wertschöpfungskette und sichert die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens in einer immer komplexeren Welt.
Die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Künstliche Intelligenz wird die Prozesse weiter verändern und den strategischen Fokus noch stärker in den Vordergrund rücken. Es bleibt eine
spannende Reise.
Weiterführende Links
- Deloitte Deutschland: Digitalisierung im Einkauf
- Beschaffung Aktuell: Fachmagazin für Einkauf und Logistik
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